Schmerzen – nur im Kopf ?

Was löst unseren Schmerz aus, wie wird er weitergeleitet und was hat die Faszie damit zu tun? Ein spannendes Thema und Forschungsfeld, welches hier kurz in Auszügen beleuchtet wird.

Der Rückenschmerz ist die sogenannte Volkskrankheit in unserem Lande. Im Jahre 2008 beliefen sich die alleine dadurch ergebenen Kosten des Gesundheitswesensauf jährlich fast 50 Milliarden Euro, berichtet das Helmholtz Zentrum München. Weiter heißt es, dass knapp die Hälfte dieser Kosten durch die „Behandlung der Beschwerden entstanden“. Mittlerweile steigen diese Zahlen beständig an. Die Schmerztherapie bekommt daher natürlich eine immer größere Nachfrage und auch die Erforschung von Schmerzauslösern nimmt immer weiter zu. Nicht einfach so, denn jeder bemerkt die Entwicklung in seinem eigenen Umfeld. Wir Menschen haben immer öfter mit Schmerzen zu kämpfen und versuchen mit all unserem Wissen diese irgendwie zu beseitigen.

Dass viele der Bandscheibenvorfälle (BSV) keinen OP-Saal von innen sehen müssen ist mittlerweile weitestgehend bekannt. Trotzdem folgen auch im Falle eines Rückenschmerzes noch häufig operative Maßnahmen, die es vielleicht nicht unbedingt gebraucht hätte, die wiederum manchmal aber auch unabdingbar sind. Es gibt klare Krankheitsbilder, die eine Operation nötig haben, wie bei neurologischen Ausfällen eines BSV, oder einem Wirbel der zu stark (ent-) gleitet (Spondylolisthesis) und ggf. auch neurologische Symptome auslöst. Aber häufige Schmerzen im lumbalen Bereich sind nicht dauerhaft, sondern wiederfahren uns schub- & zeitweise. Warum kommt es zu Phänomenen, bei denen beispielsweise ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert wird, der Mensch aber überhaupt keine Probleme mit dem Rücken hat?

In vielen Studien ergeben sich Hinweise, dass die große Rückenfaszie (Thoracolumbalfaszie) Auslöser für Schmerzen in dem Bereich sein kann. Sie erscheint dicker, bei Menschen mit Rückenschmerzen (Langevin et al., 2009). Auch Mikro-Rupturen scheinen in dem Bereich diese Symptome auslösen zu können (Panjabi et al., 2006). Unsere Faszie selbst ist unser größtes Sinnesorgan und kann dadurch natürlich auch verantwortlich für Schmerzen sein. Faszien sind hochgradig mit myelinisierten Nervenendigungen innerviert (Stecco et al., 2009), was bedeutet, dass diese Rezeptoren unheimlich schnell schalten und Spannungsveränderung (Schmerzen) mitteilen. 

Wie kommt es nun aber dazu, dass die Faszie anfängt „Schmerzen“ mitzuteilen? Myofasziale Dysbalancen führen dazu, dass sich Abschnitte unserer Faszie fixieren müssen, um den Körper dort lokal zu schützen. Dieser Schutzmechanismus kann eine Weile gut gehen und doch mit der Zeit zur Überlastung führen. Dann meldet unsere hochgradig innervierte Faszie, „unser zweites Gehirn“, dass sie dieses Problem nicht mehr alleine meistern kann. Infolgedessen – und erst dann – wird unser Gehirn mit überschwelligen Schmerzsignalen informiert. Jetzt wissen wir, dass es weh tut. Was passiert jetzt?

Wir reagieren. Wir schützen. Wir passen an. Wir fallen in unsere allseits bekannten Fehlhaltungen und die myofasziale Dysbalance breitet sich dadurch (weiter) aus. Denn jetzt müssen andere Teile des Körpers sich verlängern, verschieben, verkleinern etc. um diesen „motzenden“ Bereich zu entlasten. Das Procedere ist jetzt vorprogrammiert und je länger es so weitergeht, desto eher hat der Körper Schwierigkeiten sich von alleine zu regenerieren.

Wie kann unserer Faszie dabei geholfen werden? Gibt es so etwas wie ein Schmerzgedächtnis? Und was lösen weitere myofasziale Dysbalancen in unserem Körper aus? 

Oftmals ist zu erkennen, dass das myofasziale Gewebe eine Art Schmerzgedächtnis haben muss. Es kommt daher manchmal vor, dass eine Struktur schon ausreichend entspannt wurde, die Motorik hingegen aber noch nicht in den „Genuss“ kam die neue Bewegungsfreiheit zu erleben. Das heißt, der Körper schützt eine bestimmte Bewegung unterbewusst noch immer, obwohl evtl. sogar gar kein ursprünglicher Schmerz mehr vorliegt. Untersuchungen haben gezeigt, dass dies möglich ist. „So haben Versuche an Laborratten gezeigt, dass sie sich auch nach Entfernung  des Großhirns  noch auf der Futtersuche im Labyrinth zurechtfanden“ (Paoletti S., 2011, S.137). Es wäre also durchaus möglich, dass sich solche Mechanismen im übertragenen Sinne auch beim Menschen „als Wahrnehmung des zweiten Gehirns“ abspielen könnten. Das hieße, dass unser größtes Sinnesorgan vielleicht ganz unabhängig von unserem Gehirn Schmerzsignale aufnimmt, verarbeitet und sogar behält. Daran ließe sich evtl. auch der hochintensive „Phantomschmerz“ veranschaulichen, der selbst nach Rückenmarksdurchtrennung wieder in gleicher Intensität zurückkehren kann. Das könnte der Grund sein, warum man mit vielen Menschen die optimalen Bewegungssequenzen wieder einspielen, quasi erneut bahnen sollte. Ebenso spannend ist, dass unser Gehirn selbst eigene Schmerzen oder Läsionen an sich nicht spürt. Kommt es bspw. zu einer Hirnblutung sagt nicht das Gehirn – unser zentrales Nervensystem – zu sich selbst: „Hoppla, Achtung“. Nein, die Faszienschichten, die sogenannten Hirnhäute nehmen mittels ihrer reichhaltigen Rezeptoren die Druckveränderung wahr und informieren das Gehirn auch dort lokal über diesen Notstand. Außer Frage steht, wer hier der Chef ist. Das Gehirn steuert alles ! Aber wie ein guter Chef sonst auch, braucht das Gehirn die Hilfe in der Geschäftsführung, Prokura, eine Vertretungsmacht. Diese Macht ist im peripheren Nervensystem, im körperweiten Netzwerk aus Strukturen, das Fasziengewebe.

Fassen wir das kurz zusammen. Das Ziel ist es die Schmerzen, die oft auch von den Faszien ausgelöst und noch häufiger von ihnen kommuniziert werden, zu beseitigen, folgend die Motorik in ihr „neues“ schmerzfreies Umfeld zu integrieren und zuletzt dadurch eine gesamte myofasziale Dysbalance zu beheben.

Mit dem neu erschaffenen Gleichgewicht kehrt auch die allseits gewollte Gelenkentlastung zurück. Man kann sich das Verhältnis und deren Wirkung hierbei sehr vereinfacht so vorstellen: Wenn die Rückseite eines Gelenkes deutlich mehr Zug aufwendet als die Vorderseite ist die logische Konsequenz, dass sich der Kraftvektor welches auf das Gelenk selbst wirkt, verändert. Die Veränderung im Gelenk ist nicht zu unterschätzen. Ist dieses Ungleichgewicht über längere Zeiträume gegeben, produziert das genau das, was wir Arthrose und Gelenkverschleiß nennen. Somit gehen wir davon aus, dass bei einer Widerherstellung des myofaszialen Gleichgewichts unsere Gelenke in hohem Maße entlastet werden. Dann kann eine gleichmäßige Kraftübertragung überhaupt erst möglich sein. Das würde ebenfalls dafür sprechen, dass ein Schmerzempfinden dann stark entwickelt wird, wenn das Ungleichgewicht größer wird. Denn warum sonst schmerzt ein Gelenk häufig in Schüben, wenn es doch unverändert an der gleichen Diagnose leidet? Ein passables Beispiel hierfür ist die Studie von Moseley J.B. (2002) aus den USA, die weltweit für Aufsehen sorgte. Hierbei gab es keine nennenswerten Unterschiede zwischen der Gruppe, die wirklich operativ am Knie versorgt wurde, zu jener Gruppe, die sich nur scheinbar einem operativen Eingriff unterzog. Kann es also vermutlich sein, dass der Anästhesist mit seiner Betäubung des Probanden oder dessen eigener Behandlungsglaube zur Entspannung führte und damit das vorherige Ungleichgewicht der myofaszialen Dysbalance aufhob?

Nun kann man sich weitergehend die Frage stellen, wie man die angestrebte myofasziale Balance erreichen kann. Die gute Nachricht ist: Es gibt mehrere Möglichkeiten. Die schlechte Nachricht ist: Es gibt auch mehrere Ursachen!

Die System greifen alle in einander und beeinflussen sich gegenseitig. Gelenke, Muskeln, Faszien, Nerven, Hormone, Flüssigkeiten etc., alle haben ihr Instrument im Orchester. Jeder von ihnen kann schief spielen, kann sich im Schatten verstecken und dennoch am lautesten spielen. Es ist daher oft schwer die eigentliche Ursache für ein Symptom zu

ermitteln, nicht selten eine sehr langwierige Angelegenheit. Daher aber ist es so wichtig in eine direkte Kommunikation mit dem Körper zu gehen, eine klare Diagnostik vorauszusetzen (welche Zeit benötigt) und dann Maßnahme und Effekt immer wieder zu vergleichen und zu erörtern. Wir formulieren dies oft als metaphorisches Beispiel mit dem „Täter-Opfer Verhältnis“ und unserem Job des „Detektiv“. Wir müssen bei jedem Individuum immer wieder erörtern, welche Spur die Richtige ist und wie wir Dir langfristig am besten helfen können. Das kostet Leidenschaft und Energie. Heutzutage ist das nicht mehr so oft zu finden, daher schätzen wir unsere Arbeitsweise im TEAM AREHA sehr. Denn wir würden dasselbe für uns selbst erwarten und erhoffen. 

Die Faszie hat den Vorteil, dass sie strukturell und neuroreflektorisch auf allerlei Reize reagiert. Das liegt an den bereits erwähnten zahlreichen Rezeptoren in unserem Bindegewebe. Natürlich ist der ausgesetzte Therapie- & Trainingsreiz so zu wählen, dass man das Ziel erreicht, welches man sich wünscht. Es gibt mittlerweile viele unterschiedliche „Release-Techniken“ und Trainingsmethoden, immer mehr Möglichkeiten auf dem Markt. Vermutlich steht uns Menschen auch hierbei keine Musterlösung oder die „eine Pille“ bevor, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass unser Körper auf vielen Ebenen faszinierender und umfangreicher „arbeitet“ als bisher gedacht. Sicher ist, dass unsere Faszie ein starkes Bindeglied zwischen Gehirn, Psyche und Physis ist und dabei allgemein auf Druck und Zug reagiert. Mit diesen Eigenschaften können wir sowohl therapeutisch, als auch trainingsspezifisch großen Einfluss auf den menschlichen Organismus nehmen.

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